PRO&CONTRA-Kräftige Lohnerhöhungen - Für und Wider
30. Jul (Reuters) - Trotz des kräftigen Aufschwungs mit stark sinkender Arbeitslosigkeit sind die Tarifverdienste im Frühjahr so schwach gestiegen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Die Gewerkschaften wollen deshalb in den kommenden Tarifverhandlungen ihre Lohnzurückhaltung aufgeben. Sind kräftige Lohnzuschläge gut für die deutsche Wirtschaft? PRO Dass die Wirtschaft wieder brummt und die Konzerne Milliardengewinne schreiben, ist auch ein Verdienst der Beschäftigten. Sie haben in der Krise teils erhebliche Zugeständnisse gemacht: Lohnerhöhungen wurden ausgesetzt, Sonderzahlungen gekürzt oder gestrichen. Nicht zu vergessen die zeitweise mehr als 1,5 Millionen Kurzarbeiter, die erhebliche Abstriche beim Gehalt hinnehmen mussten. Jetzt, da es in vielen Branchen wieder rund läuft, müssen die Arbeitnehmer auch wieder stärker am unternehmerischen Erfolg beteiligt werden. Das ist aus ökonomischer Sicht wünschenswert. Denn der Aufschwung steht bislang nur auf einem Bein: dem Export. Da sich in den USA, China, im Euro-Raum und bei anderen wichtigen Handelspartnern eine Abkühlung abzeichnet, muss der private Konsum anspringen, um den Aufschwung zu sichern. Höhere Einkommen sind das beste Rezept für mehr Konsum, der immerhin zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Steuersenkungen sind wegen der Rekordverschuldung des Staates nicht zu erwarten, im Gegenteil: Ab Januar steigen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung von 14,9 auf 15,5 Prozent, die zur Arbeitslosenversicherung von 2,8 auf 3,0 Prozent. Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young wollen 84 Prozent der Kommunen ihre Gebühren und Steuern erhöhen oder neue Abgaben einführen. Ohne ordentliche Lohnerhöhungen droht weniger Netto vom Brutto - der private Konsum würde als Konjunkturstütze ausfallen, die Wirtschaft bliebe vom Export abhängig. CONTRA Kräftige Lohnzuwächse kommen zu früh. Die deutsche Wirtschaft erholt sich zwar rasend schnell von der schwersten Rezession seit Kriegsende. Doch verdaut hat sie den Absturz von 2009 mit Umsatzeinbrüchen und Rekordverlusten noch lange nicht. Frühestens 2012 dürfte das vor der Krise erreichte Niveau wieder erreicht werden, warnt Bundesbankpräsident Axel Weber. Noch ist der Aufschwung nicht selbsttragend, sondern wird von milliardenschweren staatlichen Konjunkturprogrammen im In- und Ausland getragen - und die laufen jetzt allmählich aus. Ohnehin hat die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen in der Krise gelitten. Die Arbeitskosten stiegen 2009 mit 4,1 Prozent sehr kräftig, weil vor allem die Industriebetriebe mit Hilfe der Kurzarbeit Entlassungen vermieden und dafür höhere Kosten in Kauf nahmen. In den Euro-Ländern stiegen die Arbeitskosten dagegen nur um durchschnittlich 2,7 Prozent. Steigen die Löhne zu stark, belastet das die Wettbewerbsfähigkeit weiter. Kräftige Lohnerhöhungen sind auch deshalb nicht drin, weil die Konjunktur ihren Höhepunkt schon wieder überschritten hat. Das Wirtschaftswachstum wird sich im laufenden dritten Quartal auf 0,5 Prozent halbieren, erwartet das DIW-Institut. Zwar wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um etwa zwei Prozent wachsen. Doch alle Experten - von den Instituten über die Bundesbank bis hin zum Internationalen Währungsfonds - rechnen für 2011 mit einer Abschwächung auf etwa 1,5 Prozent. (Reporter: René Wagner, redigiert von Angelika Stricker) ((Rene.Wagner@thomsonreuters.com; +49-30-2888-5000; Reuters Messaging: Rene.Wagner.reuters.com@reuters.net)) ((mehr zum Thema: - Tarifgehälter mit geringstem Anstieg seit zweieinhalb Jahren [ID:nLDE66T0C5] - Gewerkschaften wollen in Tarifrunden "Nachschlag" durchsetzen [ID:nLDE66T0FA] - Arbeitgeber weisen Forderungen nach höheren Löhnen zurück [ID:nLDE66T0U4] - STICHWORT-Kommende Tarifrunden und Gewerkschafts-Forderungen [ID:nLDE66T0IK] ))